„Überholspur“ von Aika Kistner

Alles rast, ist immer in Bewegung, den Blick nach vorn und geradeaus. Mithalten, das Tempo nicht verlieren, im Strom mitschwimmen und vorankommen, den Anschluss nicht verlieren…

Und ich stehe da, auf dem Standstreifen, schaue dem Treiben zu, dem rasenden Strom, der ständig in Bewegung ist…

Es ist laut, die Luft ist schlecht, es wird gedrängelt, gehupt, überholt…Stur geradeaus geschaut, das Tempo muss gehalten werden.

Beim Zusehen spüre ich die Hektik, den Stress, den Lärm, der da auf dieser Überholspur herrscht… Für mich komplette Reizüberflutung…

Vor meinen Augen und in meinem Inneren verschwimmt dieser Strom zu einer einheitlichen klebrigen Masse, die mich lähmt und mir meine Energie raubt.

Sehe keine Menschen, keine Emotionen, sondern nur Tunnelblicke, die starr geradeaus schauen in diesem einheitlichen Strom.

Dieser einheitliche Strom und ich als Zaungast auf dem Standstreifen…

Mein Blick hält diesem energieaussaugenden- und schlechte Gefühle verbreitenden Treiben nicht länger stand, da es sich vor meinen Augen zu einer waagerechte EKG Linie formt und in mir einen hohen Piepton auslöst und ein ERROR erscheint.

Ich sinke entkräftet in die Knie, verharre kurz, um mich zu sammeln, mein Blick wandert hoch, verharrt in den phantasievoll geformten Baumwipfeln am Rand der Überholspur und wandert langsam weiter hoch, Richtung Himmel… Mein Blick verliert sich in der endlosen blau-weißen Weite, ich atme tief durch und das Gefühl von Freiheit lässt die klebrige Masse des Einheitsflusses ein wenig von mir abgleiten.

Ich spüre den Wind auf meiner Haut, sehe den Wolken zu, entdecke Vögel und finde langsam wieder zu mir zurück. Im Hintergrund nach wie vor das einheitliche, emotionslose Treiben, dem ich mich innerlich entzogen habe und jetzt überhaupt keine Aufmerksamkeit mehr schenke.

Bewusst stehe ich auf, drehe mich um, kehre dem Strom meinen Rücken zu und verlasse den Standstreifen über eine angrenzende grüne Wiese in Richtung Wald… Ich genieße die gute Luft, die Ruhe und die Natur abseits der Überholspur, ziehe meine Schuhe aus und laufe barfuss weiter. Das weiche Gras, welches ich ganz bewusst wahrnehme, lässt mich immer mehr zu mir kommen und ich fühle mich geerdet und eins mit der Natur.

Der Lärm der Überholspur ist kaum mehr wahrzunehmen und ich sehe, dass meine nackten Füße eine Spur im Gras hinterlassen haben. Ich habe einen kleinen Weg geformt. Meinen Weg, meine Spur…

Ich möchte weder auf die Überholspur, noch möchte ich als Zaungast auf dem Standstreifen vegetieren. Mein Weg ist entschleunigt, naturnah, ruhig, intensiv, voller schöner kleiner Dinge und Wunder und in meinem Tempo für mich begehbar.

Er ist mit schönen Bäumen, Blumen und anderen Pflanzen umsäumt, verläuft nie geradeaus, sein Untergrund ist mal weich und warm, mal matschig und kalt und manchmal habe ich das Gefühl, bis zum Hals im Matsch zu stehen und habe kaum Kraft, mich zu bewegen. Auch dicke Steine liegen hin- und wieder auf diesem Weg. Wenn ich genug Kraft habe, sammle ich sie ein und baue daraus etwas Schönes. Recht menschenleer ist er, mein Weg. Klar, sind ja größtenteils alle auf der Überholspur unterwegs und nicht auf Pfaden, die abseits liegen.

Ich gehe meinen Weg weiter und das ist das Ziel. Denn ohne einen Weg gegangen zu sein, wirst Du nie wissen, ob er sich gelohnt hätte…

Autorin: Aika Kistner

Danke Aika für den wundervollen Text und das ich ihn verwenden durfte!

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