„Hurricane vs. Fatigue… „

Am vermeintlich normalen Leben teilzuhaben weiß man oft erst dann zu schätzen, wenn es keine Normalität mehr ist.
Konzerte, Fußball, Party on, einfach frei unter Menschen sein und selbst das tägliche zur Arbeit gehen, ein Luxus, den man viel zu oft als solchen nicht mehr wahrnimmt, der eben alltäglich scheint und doch ganz schnell in unerreichbare Ferne rücken kann.  Immer wenn ich Gefahr laufe an so einen wahrnehmungsgetrübten Punkt zu gelangen, holen mich die Gedanken und Worte von Aika ganz schnell mit beiden Beinen wieder zurück auf diesen Planeten.

„Hurricane vs. Fatigue… „
(von Aika Kistner)

„Ich liege da, die Augen fühlen sich an, als hätte jemand Sekundenkleber hineingleiten lassen und gleichzeitig schiebt ein enormer Druck von innen gegen die Augen, als würde sie jemand herausdrücken wollen…
Der Körper ist schwer wie Blei, das Gehirn benebelt, alles ist so anstrengend…
Das einfache Sein ist so unfassbar anstrengend. Ich schaffe es kaum zu atmen…
Die Haut brennt, das Gesicht, die Arme und die Beine sind taub. Durch den Wald schallen die Bässe vom Hurricane Festival zu mir ins Bett, in meine Ohren. Ich alleine hier, in diesem wachkomaähnlichen Zustand, da draußen das blühende Leben…

Ich erinnere mich an meine eigene Festivalzeit. In Holland, auf dem Dynamo. Dort hat sie das erste mal so richtig zugeschlagen, die Fatigue. Ich war 17 und es waren noch 4 Jahre, bis zur Diagnose MS. Trotzdem war sie bereits da und hat mich niedergestreckt. Ich lag stundenlang komplett out of order im Zelt und alle Sinne waren überreizt und ich scheintot (und zwar ohne Alkohol- oder Drogenkonsum!!!). Nichts half, die Zelte mussten wieder abgebaut werden und die Rückreise musste angetreten werden. Man musste mich irgendwie nach Hause schaffen, bevor ich auch nur eine Band hätte sehen können.
Guten Tach Fatigue…

Dieser Zustand, diese Ohnmacht, dieser Konrollverlust über den eigenen Körper…
Die Angst…
Ich weiß nicht, wieviele 1000 mal es mich in all den Jahren von damals bis heute wieder und wieder überfallen hat. Fast täglich, mal mehr, mal weniger schlimm. Mal länger, manchmal Wochen, mal kürzer oder nur einige Stunden.

Jetzt liege ich hier wieder in so einem Zustand und höre die Mucke vom Festival durch den Wald zu mir schallen. Das zerreißt mir mein Herz. Ich denke gerade an den ehemaligen Drummer von Billy Talent. Billy Talent haben doch auch schon auf dem Hurricane gespielt, oder?
Der ehemalige Drummer…
Ehemalig, weil auch ihn die MS erwischt hat und er den Job als Drummer und all die Konzerte nicht mehr ausüben konnte.
Dem blutet bestimmt genauso das Herz. Schlagzeug habe ich früher auch mal gespielt und getrommelt, in einer Sambagruppe… 
Das ist… äh war Leben!!!

Wissen die, die da jetzt auf dem Hurricane am Abfeiern oder am Muckemachen sind, was das für ein Privileg ist??? Natürlich nicht. Ich wüsste es an ihrer Stelle ja auch nicht. Ich liege hier gefangen in meinem Körper mit der Fatigue im Bett und bin akustischer Zaungast beim Leben der Anderen da draußen…
Autsch !“

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