Ein Tag im Leben mit MS und Fatigue…

Ein Tag im Leben mit MS und Fatigue…

Wenn Du mit dem Fahrrad und Deinem Hund weit von Deinem Häuschen im Wald entfernt unterwegs bist, irgendwo mitten im bewaldeten Nirgendwo und vom regulären Pfad abgekommen bist und seit 2 Stunden nur Bäume und kleine Pfade gesehen hast, Du keinen genauen Plan von der Gegend hast, weil Du gerade erst hergezogen bist, könnte Dich das schonmal minimal beunruhigen…

Wenn Du dazu aber MS und Fatigue hast und Dich in genau dieser Situation Deine Kräfte verlassen, Deine Beine und Arme plötzlich ohne Kraft, wie Pudding und taub sind, Deine Augen nicht mehr scharf sehen und alles irgendwie dunkel wird, sich eine bleiernde und lähmende Müdigkeit und Erschöpfung in Deinem Körper und seinen Funktionen ausbreitet, Dein körpereigener Akku quasi mal eben schlagartig auf „Error“ steht, kann da schonmal ganz gepflegt eine leichte Panik aufkommen…

Dir wird flau, schwarz vor Augen, es fühlt sich an, als sei ein ganzer Ameisenstaat in Deinen Kopf, Dein Gesicht und Dein Gehirn eingezogen, es kribbelt alles und ist gleichzeitig taub, zudem irgendwie so, als hätte jemand Deine Adern mit Weidenzaun durchzogen und den Strom angestellt…

Du versuchst weiter zu radeln, in der Hoffnung irgendeinen Hinweis zu finden, der Dir den richtigen Weg nach Hause zeigt. Aber Du kannst Dich nicht mehr auf dem Fahrrad halten, musst absteigen, sinkst in die Knie, das Fahrrad kippt zur Seite, der Hund ist zum Glück um Deine Hüfte gebunden und kann nicht abhauen.
So verharrst Du, weil eh nichts anderes geht. Allein das Atmen ist schon mega anstrengend…

Du rappelst Dich irgendwie auf, schwankst weiter, immer in der Hoffnung irgendwo auf einen Weg zu treffen, der Dir vertraut ist und der nach Hause führt.
Wieder schwarz vor Augen, wieder in die Knie und diese scheiß Ameisen im Kopf.
Gleich platzt er!? Alles ist unscharf, kann mal bitte jemand den Nebel im Körper und vor den Augen wegmachen…

Du überlegst Dir, dass Du gleich ohnmächtig oder mit geplatztem Kopf und Querschnittsyndrom im Wald liegen wirst, neben Dir Dein Fahrrad, um deine Hüften Dein Hund.
Herzlichen Glückwunsch…

Nein, Du wirst nicht ohnmächtig, das macht MS nicht. Die Ameisen durchströhmen aber inzwischen Deinen gesamten Körper, der nach wie vor keinen Sinn darin sieht, Dich mit Kraft zu versorgen und Arme und Beine versagen ihre Dienste.
Die Ameisen übernehmen!
So kann man kein Fahrrad fahren und auch für einen Fußmarsch ist das alles eher kontraproduktiv…

Genau das ist heute passiert, wie so oft.
Neu war nur, dass es mitten im Wald geschah und ich nicht wusste, wo ich bin und wo ich lang muss, um nach Hause zu kommen, weil ich erst frisch hergezogen bin.

Aber wie unschwer zu erkennen, ich habe irgendwann und irgendwie den richtigen Weg gefunden. Keine Ahnung wie oft ich in die Knie gesunken bin, im wachakomaähnlichen Zustand auf dem Waldboden gekauert und gelegen habe, unfähig auch nur einen Hauch von Kraft aufzuwenden, um den Körper zu bewegen.

Wie scheiße hilflos und ausgeliefert ich mir vorkam und wie erschrocken ich mal wieder über die Unberechbarkeit meines Körpers war, muss ich wohl nicht weiter ausführen…

Du bist ihm ausgeliefert, er hält Dich in sich gefangen. Das hat etwas von Platzangst im eigenen Körper und sogar phasenweise was von lebendig begraben sein. Dein Aktionsradius und Deine Zeitfenster werden immer kleiner, weil die Fatigue zuschlägt, wie es ihr gerade passt und Du ungern im oben beschriebenen Zustand hilflos und ausgeliefert irgendwo unterwegs sein willst. So ist das. So ist mein Leben mit einer chronischen Krankheit, die man mir nicht ansieht, ich sie aber Tag für Tag für Tag erlebe und spüre…

Das macht so dolle Angst!!!

Jetzt bin ich aber ja erstmal wieder hier, in meinem Häuschen im Wald, brauche die Ruhe und die Abgeschiedenheit, schaue traurig aus dem Fenster und sehe einen Buntspecht, der über die Wiese meines Gartens hüpft und ich freue mich über seine Schönheit und seinen Besuch, und lege mich mit tauben Armen und Beinen und den Ameisen in meinem Körper ins Bett.
Gratis dazu bekomme ich ein Konzert von den Kranichen, die nebenan am See verweilen und die zum Glück noch nicht nach Afrika aufgebrochen sind und bin wieder etwas versöhnt…

Danke Wald!

Vielen lieben Dank Aika Kistner für deine Geschichte. Vielleicht ermöglicht sie dem einen oder anderen einen Blick durch andere Augen auf Dinge, die zu leicht als selbstverständlich betrachtet werden.

knutundgut.de

Scroll to Top